Wenn man heutzutage einen Handwerker bestellt, weil irgendetwas in der Wohnung repariert werden soll, muss man meistens sehr lange herumtelefonieren, bis man einen findet, der Zeit hat zu kommen. Das habe ich gemerkt, als neulich unser Kühlschrank nicht mehr ging. Ich rief bei drei Elektrikern an. Der erste sagte, er habe überhaupt keine Zeit. Der zweite wollte mich überreden, doch lieber gleich einen neuen Kühlschrank zu kaufen. Der Dritte versprach, bei uns vorbeizuschauen, wenn er mal in unsere Gegend käme. Leider schien er nur sehr selten in unsere Gegend zu kommen. Nach zwei Wochen lief der Kühlschrank immer noch nicht - nur die Butter fing an zu laufen, denn es war gerade ziemlich heiß. Deswegen versuchte ich noch einmal mein Glück und rief bei einem Vierten an. Er hieß E. Knorps und versprach zu meinem Erstaunen, gleich am nächsten Tag zu kommen.
Am anderen Tag, als ich gerade mit meinen Kindern beim Mittagessen saß, klingelte es. Herr Knorps stand draußen. Er war ein ungemein freundlicher Mann. Er stellte seine beiden Werkzeugkästen, den Werkzeugkoffer und seine drei Werkzeugtaschen in die Küche, setzte sich zu uns an den Mittagstisch und ließ sich den Spinat schmecken. Dann machte er sich an die Arbeit.
Ich hätte nie gedacht, dass so viele Kabel, Sicherungen und Widerstände in einem einzigen Kühlschrank stecken. Mir wurde richtig schwindelig von so vielen Drähtchen, die er da herauszog, deswegen sagte ich ihm: „Rufen Sie mich, wenn Sie fertig sind!“, und ging in mein Zimmer.
Gegen Abend, als meine Frau von der Arbeit kam, war Herr Knorps fertig und stellte uns stolz den Kühlschrank vor. Er steckte den Stecker in die Steckdose, und der Kühlschrank fing an zu surren. Meine Frau öffnete die Tür und fasste in das Tiefkühlfach. „Au!“, schrie sie und zog ihre Hand schnell zurück. „Schon so kalt?“, fragte ich erstaunt. „Nein, so heiß“, rief sie. „Heiß?“, fragte ich und fasste auch in den Kühlschrank. Er strahlte eine gewaltige Hitze aus.
„Moment, Moment!“, sagte Herr Knorps eifrig, schob uns beiseite, kniete sich vor den Elektroherd, der neben unserem Kühlschrank steht, und öffnete die Tür zur Bratröhre. „Habe ich mir doch gedacht“, sagte er triumphierend und zeigte auf die Eisschicht, die sich im Herd gebildet hatte. Zögernd steckte ich die Hand hinein. Die Bratröhre war so kalt, dass ich sie kaum anfassen konnte. „Eine kleine Verwechslung!“, entschuldigte sich Herr Knorps. „Ich scheine da zwei Drähte vertauscht zu haben. Für heute muss ich leider Schluss machen. Feierabend! Aber morgen werde ich die Sache schon in Ordnung bringen.“
Wir zogen den Kühlschrankstecker aus der Steckdose und räumten die Butter und die Wurst in den Herd. Damit sie bis zum nächsten Tag kühl standen.
Am Tag darauf kam Herr Knorps gleich nach dem Frühstück und machte sich sofort an die Arbeit. Als er am Abend fertig war, kühlte der Kühlschrank wieder und der Elektroherd heizte. Leider war ich immer noch nicht ganz zufrieden. Es zeigte sich nämlich, dass jetzt aus dem Elektroherd laute Musik ertönte, wenn man ihn anstellte. Unser Radio hingegen gab keinen Ton mehr von sich. Im Grunde genommen ist es mir ja gleich, ob die Musik aus einem Radio, einem Kühlschrank oder einem Herd kommt. Hauptsache, sie ist laut. Aber ich konnte bei unserem Elektroherd keinen anderen Sender einstellen, so sehr ich auch an allen Knöpfen drehte. Und das störte mich.
So ließ ich Herrn Knorps am nächsten Tag noch einmal kommen. Ich musste ihm wirklich bestätigen, dass er sich alle Mühe gab. Er kam im ersten Morgengrauen und arbeitete fast ohne Pause. Am Abend, als meine Frau heimkam, führte er uns das Radio vor: Es spielte wieder und wir bekamen sogar zwei Sender herein, die vorher noch nie ein Mensch gehört hatte. Aber ein kleiner Fehler war ihm doch wieder unterlaufen. Er musste irgendein Drähtchen verwechselt haben. Jedenfalls ging jetzt das Licht aus, wenn ich den Telefonhörer abnahm. Und wenn jemand draußen auf den Klingelknopf drückte, fing drinnen unsere Spülmaschine an zu laufen. Herr Knorps entschuldigte sich und versprach, gleich am nächsten Tag die Sache zu richten. Die Folge war, dass am nächsten Abend nun der Küchenmixer Musik machte, die Spülmaschine kühlte und Wasser aus der Uhr kam, wenn jemand auf den Fahrstuhlknopf drückte. Und Herr Knorps musste am nächsten Tag wiederkommen.
Inzwischen haben wir uns an Herrn Knorps gewöhnt. Er kommt jeden Tag und repariert etwas anderes. Wir sind schon richtig befreundet und verbringen immer häufiger unsere Abende zusammen und spielen Karten oder „Mensch ärgere dich nicht!“.
Ein gemütlicher Abend bei uns zu Hause sieht zurzeit etwa so aus:
Nach dem Abendessen, wenn wir das schmutzige Geschirr zum Saubermachen in den Herd geschoben haben, läutet es zweimal in der Spülmaschine - Herr Knorps pflegt immer zweimal zu klingeln. Wir begrüßen Herrn Knorps, holen uns ein kühles Bier aus dem Fahrstuhl und spielen, bis der Müllschlucker zwölf Uhr schlägt. Dann machen wir langsam Schluss. Schließlich muss Herr Knorps am nächsten Tag früh aus dem Bett, um all seine Reparaturen zu schaffen. Er verabschiedet sich, steigt in den Kühlschrank und fährt nach unten. Meine Frau stellt dann noch den großen Zeiger der Uhr auf sieben, damit im Treppenhaus das Licht ausgeht, und meist sitzen wir noch ein bisschen beieinander, um der Musik im Staubsauger zuzuhören. Unsere Wohnung ist vielleicht ein wenig ungewöhnlich jetzt. Aber wir finden sie sehr gemütlich.
(aus: Paul Maar: „Der Tag, an dem Tante Marga verschwand“ ©Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1986)